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Tag 3 Fortsetzung

Die Doppelstadt Komarom (HU) – Komarno (SK)

sunny 32 °C

Schon während der Dunkelheit hatte das Schiff am Anleger in Komarom festgemacht. Bevor wir zum Frühstück gingen, musste ich schnell einen Blick nach Draußen werfen, um zu wissen, wo wir eigentlich gelandet waren. Es waren allerdings nur eine halbrunde Mauer mit vielen Löchern und ein begrüntes Dach zu sehen. Aber so soll es wohl sein bei einer gut geschützten Festung. Ich war schon richtig neugierig auf die Besichtigung. Allerdings mussten wir uns erst für den Rundgang stärken, denn die 70 ha große Anlage würde eine Herausforderung werden.

Festung Monostor

Festung Monostor

Die Festung Monostor ist Teil der Stadt Komarom, die sich bis zum Jahre 1945 links und rechts der Donau ausbreitete. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Grenzen in Europa neu gezogen und die Stadt geteilt. Durch die Schicksalsbrücke sind die Städte Komarom, die in Ungarn liegt, und Komarno, die heute in der Slowakei liegt, trotzdem vereint. Das ungarische Komarom wird auch gerne als „Gibraltar an der Donau“ bezeichnet. Befestigungsanlagen gibt es hier bereits seit 750 Jahren. Auf der ungarischen Seite liegen das Fort Sandberg (Monostor), das Fort Igmand und das Fort Stern, die alle über Gänge miteinander verbunden waren, um große Truppenverschiebungen unterirdisch durchführen zu können. Auf der slowakischen Seite liegen dann noch fünf weitere Festungsanlagen.

Monostor, die größte mitteleuropäische Festung der Neuzeit, wurde zwischen 1850 und 1871 erbaut und galt als uneinnehmbar. Etwa 13.000 Personen haben 21 Jahre lang an dem Bollwerk aus ungarischem Sandstein gebaut. Die sechseckigen Steinblöcke wurden präzis gemeißelt, um einen eventuellen Kanonenkugeltreffer auch zu überstehen. Die Mauern haben eine Stärke von 1,5 – 6 Metern und werden von einem 3-4 Meter dicken Erdwall schützend bedeckt. Die drei Bastionen sind durch einen mehrere Kilometer langen, trockenen Burggraben, durch beidseitige Kasematten und zusammengesetzte Galerien miteinander verbunden.

Steinblöcke Festung Monostor

Steinblöcke Festung Monostor

Der 10.000 m² große Hof, der als Exerzier- und Versammlungsplatz genutzt wurde, wird von einem 32.000 m² großen, größtenteils mit Erde belegten Gebäudekomplex mit etwa 640 Räumen umschlossen. Über drei Stockwerke verteilt findet man 78 Kanonenschießscharten. Wir gingen vorerst durch die Kasematten und konnten so einen Eindruck gewinnen, wie die Soldaten die Kanonen auf den angreifenden Feind gerichtet hatten. In den kleinen Räumen waren 20 bis 30 Soldaten untergebracht. Es gab Massentoilettenanlagen, die gleichzeitig von sechs Personen genutzt werden konnten. Die Abwässer wurden direkt in die vorbeifließende Donau geleitet.

Kanonenschießscharte mit trockenem Burggraben

Kanonenschießscharte mit trockenem Burggraben

Die Gebäude bestehen aus einem Keller, in dem die Lebensmittel und Getränke gelagert wurden, ebenerdig wohnten die Soldaten und in den Obergeschossen hatten die ledigen Offiziere ihre Schlafräume. Für Offiziere mit Familien standen in der Husarkaserne eigene Häuschen zur Verfügung. Im Zentrum der Festung, die der Verteidigung der Donau diente, lag der Appellplatz, der heute als Freiluftbühne benutzt wird. Wir konnten ihn von den oberen Stockwerken aus besichtigen und dabei erst feststellen, welche Ausmaße dieses Bauwerk hatte.

Blick auf Appellplatz

Blick auf Appellplatz

Die inneren Burgwände sind 10, die äußeren 8 Meter hoch. Das begrünte Dach ist begehbar. Von hier aus hat man eine wunderschöne Aussicht auf die Donau und die umliegende Umgebung. Deshalb wurde hier von den Sowjets ein Schießstand errichtet. Die Festung wurde von der Roten Armee zwischen 1945 – 1990 als Depot für mehrere tausend Waggon Kriegsmaterial benutzt. Von der Aussichtsplattform aus hatten wir natürlich auch einen wunderschönen Blick auf die MS Primadonna und die gegenüberliegende Schwesternstadt. Die Geschichte der Stadt wurde immer schon durch ihre strategische Lage am Zusammenfluss der Donau und der Waag bestimmt, die diesem Ort besonders schwer zugänglich machte. Bereits unter dem Namen „Brigetio“ wurde hier von den Römern eine Festung errichtet, um die Wege nach Wien zu kontrollieren. Nachdem Napoleons Soldaten Wien erreicht hatten, flüchtete Kaiser Franz I nach Komarom. Das von ihm errichtete Fort sollte bis zu 200.000 Mann aufnehmen können. Der höchste Belegschaftsstand der in der Festung lebenden Soldaten betrug allerdings nur 8.000 Männer.

Über Treppen gelangten wir wieder ins Erdgeschoss zurück. Dort befinden sich ein Museum und eine kleine Kantine. Da man hier auch in Euro bezahlen konnte, genehmigten wir uns etwas zu trinken außerhalb des Schiffes. Wir hatten uns entschlossen an der ersten Führung durch die Festung um 9:00 Uhr teilzunehmen. Die zweite begann erst um 10:00 Uhr. So hatten wir etwas Zeit den festen Boden unter unseren Füssen zu genießen. Doch zog es uns eigenartiger Weise schon bald auf das Schiff zurück. Die Matrosen nützten nämlich die Zeit, um den an Bord produzierten Müll zu beseitigen. Hier wurden an Land Container bereitgestellt und so konnte sackweise der Müll von Bord getragen werden.

Am Sonnendeck suchten wir uns ein schönes Plätzchen im Schatten. Dort genossen wir einen kühlen Drink, während es sich einige Damen im Jacuzzi gemütlich machten. Viele Passagiere benutzten auch die bereitgestellten Sonnenliegen. Lange hatten wir ja nicht Freizeit, denn um 12:15 Uhr wurden wir vom Küchenchef zum Essen gerufen. Während des Mittagessens wurde das Schiff vom einen Ufer der Donau auf das andere Ufer überstellt, denn Nachmittag stand ein Stadtrundgang im abgetrennten Stadtteil auf dem Programm, der heute auf slowakischer Seite liegt.

Leben am Sonnendeck der MS Primadonna

Leben am Sonnendeck der MS Primadonna

Um 14:00 Uhr wurden die ersten zwei Gruppen von ihren Stadtführern am Ufer erwartet. Die nächsten Gruppen würden erst eine Stunde später starten. Zu Fuß machten wir uns auf den Weg in die 36.800 Einwohner zählende Stadt Komarno. Der Schiffsanleger befand sich auf einer kleinen Insel. Sie heißt Elisabeth Insel, da hier Kaiserin Sissy das erste Mal ungarischen Boden betreten hatte auf ihrer Schiffsreise in die ungarische Hauptstadt Budapest. Über eine kleine Brücke gelangten wir dann in die eigentliche Stadt. Es war ein furchtbar heißer Nachmittag. Unsere junge Stadtführerin war sehr bemüht für ihre Ausführungen immer einen schattigen Platz zu finden.

Den ersten Halt machten wir in einem Park, in dem die Statue Franz Lehars den Mittelpunkt bildete. Hier wurde 1870 der berühmte Operettenkomponist geboren. Deshalb finden hier auch jedes Jahr Operettenfestspiele statt. Die Stadt erlebte ihre Blütezeit im 15. Jahrhundert. Viele Prachtbauten entstanden dann auch zur Zeit der K.&K. Monarchie. Die Bauten der Stadt wurden erneuert und renoviert und erstrahlen jetzt in neuem Glanz.

Geburtsstadt von Franz Lehar

Geburtsstadt von Franz Lehar

Sehr gekünstelt wirkt hingegen ein Projekt der Neuzeit. Auf einer Fläche von etwa 25.000 m² entstanden um die Jahrtausendwende 36 skurille Häuser am Europaplatz. „Das Wesen der architektonischen Darstellung liegt darin, dass die einzelnen Gebäude des Platzes in stilisierter Form die architektonischen Merkmale einer breiten Palette der europäischen Regionen tragen. So hat der Besucher die Möglichkeit, die architektonischen Merkmale von 36 Länder und landschaftlichen Einheiten an einem Ort anzuschauen.“ Das war das Ziel der Stadtverwaltung. So ist eine bunte Mischung aus Fassaden, die an Fachwerkbauten in Deutschland erinnern, oder Gaudi-Bauten in Barcelona ähneln, entstanden. Ebenso vertreten sind Nachbauten aus Holland, England, Irland, Portugal und unter anderem auch Österreich. Alle Häuser sollten mit kleinen Geschäften zum Leben erweckt werden. Unterirdisch befindet sich zusätzlich noch eine Verkaufsfläche von 3.500 m² für ein Einkaufszentrum. Leider wurde die gesamte Anlage nicht angenommen.

Europaplatz in Komarno

Europaplatz in Komarno

Danach hatten wir noch Zeit etwas durch die schöne Altstadt zu schlendern. Leider gab es kein schönes, altes Cafe, wo wir etwas trinken und eine süße Spezialität des Landes dazu essen konnten. Da es sowie so unerträglich heiß war, beschlossen wir gleich zum Schiffsanleger zurückzukehren. Dort wurde um 16:45 Uhr im klimatisierten Primo Theatro Kaffee und Kuchen serviert. Danach begaben wir uns in die Panoramabar und spielten eine Runde Karten bis das Schiff um 17:30 Uhr wieder zum Ablegen fertig war.

Beim Schein der untergehenden Sonne genossen wir während des köstlichen Abendessens die vorüberziehende Landschaft. Nächster Halt würde leider schon wieder in den frühen Morgenstunden des nächsten Tages Wien sein. Nach dem Abendessen wurden wir zu einem Unterhaltungsabend im Bordtheater eingeladen. Vier Zigeuner aus Oberungarn spielten Melodien aus der Puszta und der goldenen Operettenzeit. Wir allerdings wollten die Einfahrt unseres Schiffes in das zweigrößte Donaukraftwerk Gabcikovo nicht versäumen.

Peter war schon ganz aufgeregt, als wir uns der Schleuse näherten. Die Ampel war auf Grün gestellt, aber es befand sich bereits ein großes Flusskreuzfahrtschiff in der Schleusenkammer. Peter hätte gewettet, dass wir mit unserem Schiff darin nicht mehr Platz finden würden. Aber die Ampel war auf Grün und wir fuhren ein. Links und Rechts blieb wirklich nicht mehr sehr viel Platz, aber wir wurden beide gemeinsam um etwa 32 m gehoben. Immerhin ist die Schleusenkammer 275 Meter lang und 34 Meter breit. Der Schleusenvorgang dauerte etwa eine halbe Stunde.

Nochmals mussten wir auf die schönen Tage an Bord der MS Primadonna anstoßen, bevor wir zum letzten Mal in unserer Kabine übernachten würden. Zu schnell war die Zeit vergangen.

Posted by fegoesrhein 16:53 Archived in Hungary

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