A Travellerspoint blog

Tag 9

Durch den Rhein-Main-Donau-Kanal nach Nürnberg

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Als ich morgens um sieben munter wurde, bewegte sich das Schiff nicht mehr. Wir waren bereits im Hafen von Nürnberg angekommen. Heute würden wir ja schon früh von Bord gehen, deshalb machten wir uns schnell fertig und gingen zum Frühstück. Um 08:30 Uhr saßen wir schon im Bus und fuhren Richtung Stadt.

Wir durchfuhren zuerst das Industriegebiet. Nürnberg ist nicht nur bekannt für seinen Lebkuchen, sondern auch für seine Bratwürste. Die Firma HoWe zählt mit seiner Tagesproduktion von bis zu 4 Millionen Stück zu einer der größten Bratwurstproduzenten. Die Firma Siemens beschäftigt an diesem Standort 45.000 Mitarbeiter. Die Firma Brandstätter sagte mir zwar nichts, dafür umso mehr, was hier hergestellt wird – Playmobil ist auf der ganzen Welt bekannt. 1761 begann der Schreiner Kaspar Faber mit der Herstellung von Bleistiften. Heute produziert der Faber-Castell Konzern mit über 7.000 Mitarbeitern über 2 Milliarden in Holz gefasste Stifte und ist somit der weltweit größte Hersteller von Bunt- und Bleistiften. Und wenn man morgens zum Kajalstift greift, dann kann es leicht sein, dass auch dieser aus Nürnberg stammt.

Nürnberg ist mit 500.000 Einwohnern die vierzehntgrößte Stadt Deutschlands. Wir fuhren gerade an vielen großen Wohnblöcken vorbei. Schon früh gab es hier den sozialen Wohnbau, denn die vielen Arbeiter mussten auch irgendwo wohnen. Wenn ich den Namen Nürnberg höre, dann denke ich eigentlich sofort an Christkindelmärkte und Lebkuchen. Mittlerweile waren wir schon nahe an das Stadtzentrum gekommen. Vor uns lag das Naherholungsgelände zwischen Bahnhof Dutzendteich, dem alten Tiergarten und dem Moorenbrunnfeld. Auf einmal tauchte vor uns ein kolossaler Monumentalbau auf. Wenn wir in Rom gewesen wären, dann hätte ich gesagt, dass wir am Kolosseum angekommen waren.

Die Kongresshalle ist der größte erhaltene nationalsozialistische Monumentalbau in Deutschland und steht unter Denkmalschutz. Das Kolosseum ist ellipsenförmig – dieser Bau ist hufeisenförmig und auf der dem See zugewandten Seite durch zwei rechteckige Gebäude abgeschlossen und eineinhalb Mal größer als dieses alte Bauwerk der Antike. Die Halle, für die ein freitragendes Dach vorgesehen war, war als Kongresszentrum für die NSDAP mit Platz für 50.000 Menschen geplant. Das Eingangsportal war so groß, dass der Bus keine Probleme hatte, in das Gebäude reinzufahren. Erst als wir drinnen mit dem Bus eine Runde fuhren, wurde mir das Ausmaß des Gebäudes klar: die U-Form misst außen 240x200 m. Immerhin hatten an diesem Bauwerk 1.400 Arbeiter in Dreischichtbetrieb gearbeitet.

Innenhof Kongresshalle, Nürnberg

Innenhof Kongresshalle, Nürnberg

Der Bau der „Großen Straße“ mit hohen Tribünen von denen aus man den Aufmarsch der Truppen verfolgten konnte, führt als zentrale Achse durch die Stadt direkt mit Blick auf die Nürnberger Burg. Ein noch größeres Denkmal sollte jedoch das von Albert Speer entworfene „Deutsche Stadion“ mit einer Grundfläche von 540x445 Metern werden. Das größte Stadion der Welt sollte 405.000 Zuschauern Platz bieten, wobei Geld keine Rolle spielen sollte. Es sollte aber beim Aushub der Baugrube bleiben. Heute ist wie man so schön sagt „Gras darüber gewachsen“ und die Baugrube mit Grundwasser gefüllt, wobei das Wasser mit Schwefelwasserstoff, der aus dem nahegelegenen Schutt – und Abfallberg kommt, verseucht ist.

Tribünen auf der Großen Straße

Tribünen auf der Großen Straße

Für die Kongresshalle konnte noch kein geeigneter Verwendungszweck gefunden werden. Pläne für ein Fußballstadion, ein Freizeitzentrum oder ein Shoppingzentrum scheiterten. Es herrscht dort wohl auch keine Wohlfühlatmosphäre. Das gesamte Reichsparteitagsgelände umfasst ein Areal von über 16,5 km², die mitten in der Stadt liegen und praktisch nicht genützt werden können. Die Tribünen sind am Zerfallen. Sie müssen aber, da sie unter Denkmalschutz stehen, erhalten werden. Nürnberg hat ein schweres Erbe erhalten.

Danach fuhren wir in die City. Um irgendwie mit diesem tragischen Kapitel der Stadt abzuschließen, fuhren wir entlang des Justizpalastes, der zwischen 1909 und 1916 im Stil der Deutschen Renaissance erbaut wurde. Bekannt wurde insbesondere der Schwurgerichtssaal 600, in dem nach Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 bis 1949 der Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher und die Nachfolgeprozesse stattfanden. Natürlich kam mir dann, dass ich im Geschichtsunterricht in der Schule auch davon gehört hatte.

Justizpalast Nürnberg

Justizpalast Nürnberg

Froh waren wir, dass wir in unserem Bus sehr hoch saßen. So hatten wir die Möglichkeit, einen Blick in den weithin bekannten Johannesfriedhof zu werfen. Da im Mittelalter während der Pestzeit jede Bestattung innerhalb der Stadtmauern verboten war, entstand dieser Friedhof außerhalb der Stadtmauer. Besonders schön ist er, wenn die vielen Rosenbäumchen blühen. Berühmte Persönlichkeiten wie der Maler Albrecht Dürer wurden hier beerdigt.

Johannesfriedhof, Nürnberg

Johannesfriedhof, Nürnberg

Heute ist entlang der fünf Kilometer langen Stadtmauer ein Naherholungsgebiet entstanden, wo viele spazieren oder joggen. Durch die engen Gassen der Altstadt, die von Fachwerkhäusern gesäumt waren, fuhren wir zum Eingangstor der Kaiserburg zu Nürnberg. Sie ist eine Doppelburg und besteht aus der Kaiserburg und der Burggrafenburg und ist das Wahrzeichen der Stadt. Im Osten der Burg wurde ein zweistöckiger Steinbau mit fünf übereinander liegenden Dachböden neben dem Fünfeckturm als Kornhaus der Stadt errichtet.

Kornhaus auf der Kaiserburg

Kornhaus auf der Kaiserburg

Von der Freiung aus, der die Walpurgiskapelle vorgelagert ist, hat man einen guten Gesamtüberblick über die Stadt und man merkt erst, welche Ausdehnung sie hat. Heute ist die Burg Eigentum der Bayrischen Schlösserverwaltung, die auch für den Erhalt zuständig ist. Teile der Burg werden als Museum verwendet und manchmal finden hier Staatsempfänge statt. In den alten Stallungen ist eine der größten Jugendherbergen Deutschlands untergebracht. Einige entschlossen sich, von der Burg aus zu Fuß in die Altstadt zu gehen, von wo aus uns der Bus um 11:30 Uhr wieder zum Schiff bringen würde.

Wir fuhren mit dem Bus in die Altstadt zurück. Auf den Märkten wurde knackiges Gemüse verkauft. Frischer Spargel und Erdbeeren hatten gerade Saison. Wir aber waren auf der Suche nach einem Geschäft, wo man Lebkuchen als Mitbringsel kaufen konnte. Eigentlich wollte ich unbedingt eine der Nürnberger Bratwürste probieren. Aber man stieß hier eher auf einen Kebabstand als auf einen Bratwurststand. So war ich gezwungen, eine Bratwurst in der Dose zu kaufen, um sie dann zu Hause essen zu können. Von der Augustinerstraße aus fuhren wir wieder zum Schiff zurück.

Um 12:30 Uhr verschwanden fast alle einen Stock tiefer in das Restaurant, wo das Mittagsbuffet zur Selbstbedienung bereitstand. Ich fand am kleinen Buffet in der Panorama Bar einen köstlichen Thunfischsalat. Das reichte mir für die Mittagszeit. Heute würden wir auch wieder mal zur Kaffeestunde am Bord sein. Da musste man etwas Platz lassen für die süßen Köstlichkeiten. Heute ließen mich Mutti, Steffi und Sepp nicht alleine, denn auch sie fanden Gefallen am Salat. Eigentlich dachte ich, dass Mutti sich nach dem Essen etwas in der Kabine niederlegen sollte, aber auch sie genoss die vorüberziehende Landschaft so sehr, dass sie auf Spähposition blieb.

Der 171 Kilometer lange Main-Donau-Kanal zwischen Bamberg und Kelheim ist eines der umstrittensten Bauprojekte der Nachkriegszeit. Nach fast 30 Jahren Bauzeit erfolgte vor 22 Jahren die Eröffnung der Verbindung zwischen den Flüssen Main und Donau. Eigentlich wurde der Kanal erbaut, um einen durchgehenden 3.500 Kilometer langen Wasserweg für den Gütertransport zwischen dem Nordseehafen Rotterdam und dem Schwarzen Meer zu haben. Der Seeweg ist damit um ein Fünftel geschrumpft.

Nach Nürnberg würde es nämlich auf den Main-Donau-Kanal sehr interessant werden. Vor uns lagen die drei tiefsten Schleusen der gesamten Strecke mit 24,6 Metern. Wir mussten noch einige Höhenmeter bis zur 406 Meter hohen Europäischen Wasserscheide überwinden. Mit nur 16 Kanalstufen überwindet der MDK heute einen Höhenunterschied von mehr als 240 Metern. Vom Main kommend werden die Schiffe um 175 Meter zur europäischen Hauptwasserscheide auf 406 Meter über Normalnull gehoben. Damit wird der höchste Punkt im europäischen Netz der Wasserstraßen erreicht. Danach geht es wieder 68 Meter nach unten, wie auf einer Treppe zur Donau.

Rhein Main Donau Kanal

Rhein Main Donau Kanal

Schon vor mehr als 1200 Jahren träumte Kaiser Karl der Große davon, Nordsee mit Schwarzem Meer zu verbinden. Übrig blieb die „Fossa Carolina“ als älteste Bauruine Deutschlands. Etwas mehr Glück hatte der bayrische König Ludwig I, der es schaffte in nur zehn Jahren Bauzeit den Ludwig-Donau-Main-Kanal mit 101 Schleusen bauen zu lassen. Heute ist dieser Kanal zugewachsen und der romantische Flusslauf ein beliebtes Ziel für Radfahrer. Der heutige Main-Donau-Kanal wird mehr für Kreuzfahrtschiffe als für Frachter verwendet. Seine dringend notwendige Sanierung ab 2017 wird zwischen 170 und 180 Millionen Euro kosten.

Neben dem Kanal wird viel Landwirtschaft betrieben. Man sah Kühe auf der Weide. Auf den Feldern waren Hügelbeete zugedeckt und wir konnten daraus schließen, dass Spargel darunter wachsen würde. Mächtig war die erste der drei großen Schleusen, mit denen man Geländeunterschiede ausgleichen und Stromschnellen verschwinden lassen kann. Wir mussten einen Moment warten, bis ein Schiff die Schleusenkammer verlies. Dann fuhren wir ein und hinter uns schloss sich das Tor. Ein leistungsstarkes Pumpensystem sorgte dafür, dass das Wasser in die Schleusenkammer hineingepresst wurde. Wenn das Wasser in der Schleusenkammer das Niveau des Flussabschnittes, der vor uns lag, erreicht hatte, konnte das Schleusentor vor uns geöffnet und unsere Fahrt fortgesetzt werden.

Schleuse Leerstetten

Schleuse Leerstetten

Schleuse Leerstetten

Schleuse Leerstetten

Schleuse Leerstetten

Schleuse Leerstetten

Etwa eine halbe Stunde dauert der Vorgang der Durchschleusung. Die Schleuse ist zwölf Meter breit. Unser Schiff war einer der größten Schiffe, die den Main-Donau-Kanal befahren dürfen, da es 11,5 m breit ist. Daher musste der Kapitän mit besonderer Vorsicht Rein- und Rausfahren. Befüllt wird die Schleusenkammer mit Wasser aus den Ausgleichsbecken. Somit ist einmal das Ausgleichsbecken und einmal die Schleusenkammer mit Wasser befüllt.

Ausgleichsbecken Eckersmühlen

Ausgleichsbecken Eckersmühlen

Kurz nach der Schleuse Hilpoltstein erreichten wir Stromkilometer 102. Vor uns tauchte eine Betonmauer auf, die die Europäische Hauptwasserscheide andeuten soll. Die Europäische Kontinentalwasserscheide trennt die Zuläufe zum offenen Atlantik, der Nord- und Ostsee von denen zum Mittelmeer und Schwarzen Meer zwischen Gibraltar und Moskau. Wegen des feierlichen Anlasses war das Sonnendeck geöffnet worden. Kurz vor der Wasserscheide überquerte noch eine Brücke den Kanal und alle auf dem Sonnendeck befindlichen Passagiere mussten auf den Boden niedersitzen und ihre Köpfe einziehen.

Europäische Wasserscheide

Europäische Wasserscheide

Von der Scheitelhaltung weg ging es dann nur noch abwärts bis Wien. Sehr dankbar waren wir für einen Zettel der Kreuzfahrtleitung auf der alle Schleusen mit der jeweiligen Tiefe aufgelistet waren. So wusste man, in welcher Finsternis man sich gerade befand – denn es wurde ganz schön finster, so 24,5 Meter unter der Erde. So ergab sich eine gute Gelegenheit während des Schleusens Kaffee und Kuchen mit Musikbegleitung zu reichen. So verging die halbe Stunde in Nu.

Schleusenplan

Schleusenplan

Die nächsten drei Schleusen hatten eine Tiefe von 17,0 Meter und das Prinzip funktionierte umgekehrt. Wir fuhren in die Schleuse rein, die Tore schlossen sich, Wasser wurde rausgelassen, das Tor geöffnet und wir konnten auf das niedrigere Niveau rausfahren.

Schleuse beim Absenken

Schleuse beim Absenken

In einer der drei Schleusen zog ich mich für das Abendessen um. Immer wieder war etwas zu tun. Langweilig wurde einem nie. Nach dem Abendessen fand um 21:00 Uhr in der Panorama Bar die Crewshow statt. Es war toll zu sehen und zu hören welche Künstler es unter der Besatzung gab. Es wurde gesungen, getanzt und einige Sketche aufgeführt. Eine Stunde lang wurde wir so unterhalten. Natürlich geizte keiner mit dem Applaus. Danach spielte Paul mit Tim noch zum Tanz auf. Wer noch Hunger hatte, konnte noch von den Gute Nacht Häppchen nehmen.

Posted by fegoesrhein 16:27 Archived in Germany

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